Praxis-Interview: Persönlicher Kontakt oder mehr Digitalisierung? Beides, an den richtigen Stellen!
Christine Scheller ist eine erfahrene Sozialarbeiterin beim Caritasverband für den Landkreis Lörrach e.V. und seit Beginn des Integrationsmanagements in Baden-Württemberg auch Integrationsmanagerin. Wir sprachen im Interview über die Anfänge des Integrationsmanagements, die Abgrenzung zu ihrer früheren Tätigkeit in der Flüchtlingsarbeit, darüber wo es hapert und wo es in (digitaler) Zukunft hingehen kann. Dabei berichtet Christine Scheller unter anderem von Schwierigkeiten Alphabetisierungskurse zu finden und darüber, wo die Digitalisierung sinnvoll ist und wo der persönliche Kontakt unabdingbar bleibt. Doch lesen Sie selbst!
Liebe Frau Scheller, wie sind Sie zum Integrationsmanagement gekommen?
Ich bin seit 1992 in der Flüchtlingsarbeit und war zunächst im Sozialdienst in Lörrach beim Caritasverband für den Landkreis Lörrach e.V. in den Gemeinschaftsunterkünften tätig. Als 2017 dann das Integrationsmanagement durch das Sozialministerium eingeführt wurde, wurden Stellen wie meine umgewidmet. Das brachte dann natürlich einen anderen Schwerpunkt und andere Aufgaben mit sich.
Was war für Sie die größte Umstellung?
Im Sozialdienst war man doch viel mehr Ansprechpartnerin für alle Alltagsfragen, man hat dabei wesentlich engmaschiger Klientinnen und Klienten begleitet, als es jetzt beim Integrationsmanagement möglich ist. Hier stehen ja der Integrationsplan und das Ziel des selbstständigen Zurechtfindens in Deutschland im Vordergrund. 1992 war das noch eine ganz andere Art der Betreuung – viel enger. Wir hatten ein richtiges Vertrauensverhältnis zu unseren Klienten und Klientinnen, waren oft vor Ort. Jetzt sind wir dazu angehalten, beispielsweise Termine mit ihnen zu vereinbaren, sodass die Klientinnen und Klienten zu uns ins Büro kommen sollen. Dadurch sehen wir überwiegend nur die Männer. Frauen kommen deutlich seltener. Sie und auch Kinder haben wir durch die Aufgabenverschiebung viel weniger im Blick. Da war es im Sozialdienst leichter einen Einblick in Familien zu haben.
Was war damals noch anders?
Damals gab es andere Herausforderungen. Es gab keine Sprachkurse für die Menschen und es durfte oft nicht gearbeitet werden. Dahingehend hat sich vieles verbessert. Man hat erkannt, dass es Sinn macht das Erlernen der deutschen Sprache zu fördern, um „Parallelgesellschaften“ zu verhindern und auch eine Vermittlung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
Jedoch muss auch gesagt werden, dass wir auch hier Baustellen haben. Der Job-Turbo beispielsweise baut sehr viel Druck auf, möglichst schnell in Arbeit zu kommen, sodass beispielsweise IT-ler in der Gastronomie arbeiten. Menschen werden in Bereiche vermittelt, die nicht adäquat sind zu dem, was sie an Qualifizierung mitbringen. Da wo früher zu wenig gemacht wurde, schießen wir heute über‘s Ziel hinaus. Es ist wichtig im Gespräch mit der Arbeitsvermittlung zu klären, was für den- oder diejenige Sinn macht. Da sind wir froh, dass wir grundsätzlich eine gute Zusammenarbeit mit dem Jobcenter in Lörrach haben!
Sie haben angesprochen, dass es im Vergleich zu Ihrer Anfangszeit verbesserte Möglichkeiten des Sprachenlernens gibt. Wie ist da heute der Stand bei Ihnen in Lörrach?
Im Vergleich zu damals hat sich viel getan. Jedoch gibt es insgesamt immer noch zu wenig bedarfsgerechte Sprachkurse.
Ich habe Anfragen für Alphabetisierungskurse, auf die Menschen über ein Jahr lang warten und dazu oft noch weit fahren müssen. Dass es teilweise überhaupt für einige möglich war Kurse zu besuchen, liegt an den sehr gut organisierten ehrenamtlichen Mitarbeitenden bei uns vor Ort, welche sich den Menschen mit großem Engagement annehmen und diese alphabetisieren. Aber ich habe nicht die Strukturen vor Ort, das für alle so umzusetzen, wie es von der Politik gefordert wird.
Außerdem wurden leider hier bei uns Sprachkurse mit zeitgleicher Kinderbetreuung eingestellt. Da waren die Anforderungen an Erzieher und Erzieherinnen und auch an Räumlichkeiten für die Kinderbetreuung zu hoch. Viele Frauen, die keinen Betreuungsplatz haben, geraten so in zeitlichen Verzug beim Integrationsplan, da sie an den Sprachkursen nicht teilnehmen können.
Inwiefern sind Online-Sprachkurse hier hilfreich und können entlasten?
Wenn ich beispielsweise an Analphabeten und Analphabetinnen denke oder auch an viele andere mit einem geringen Bildungsniveau, dann sind Online-Sprachkurse überfordernd. Außerdem kommt dazu, dass es in den Unterkünften nicht immer verlässliches W-LAN gibt. Auch fehlt teilweise die Hardware. Die meisten haben zwar Smartphones, aber alles über so ein kleines Display zu machen, ist sehr mühsam und anstrengend.
Bei den Ukrainerinnen und Ukrainern ist das aber anders. Die können mit Online-Sprachkursen sehr gut arbeiten. Die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer sind uns, was die Digitalisierung betrifft, sehr weit voraus. Die lachen immer, wenn sie sehen, was wir an Papierkram haben. Auch die Behördengänge, die sie bei uns persönlich machen müssen, sind längst digitalisiert in der Ukraine.
Digitalisierung ist ein gutes Stichwort. Inwiefern denken Sie, dass digitale Tools Ihre Zusammenarbeit mit den Klientinnen und Klienten vereinfachen können, beispielsweise hinsichtlich der Sprachbarriere?
Wir haben mit vielen Klientinnen und Klienten per E-Mail Kontakt. Hier können wir bei geringen Deutschkenntnissen durch Verwendung von einfacher Sprache den Google-Übersetzer nutzen. Das funktioniert soweit.
Im Vor-Ort Gespräch ist das Erfragen von Informationen und dann vor allem das Erarbeiten von Integrationsplänen verbunden mit der Übersetzung über Google sehr aufwendig. Aber hier gibt es keine Alternative. In manchen Fällen, wie beispielsweise einem Arztbesuch, kann ich jemanden bitten, die Klientin oder den Klienten zu begleiten und zu übersetzen. Für die Beratung mit uns ist allerdings kein Übersetzer oder Übersetzerin angedacht.
Was hilfreich wäre, wäre die Möglichkeit, online einen Dolmetscher oder eine Dolmetscherin dazu buchen zu könnten, wie es in manchen Kliniken der Fall ist. Dafür bräuchte es einen Dolmetscher-Pool hier im Landkreis. Das gibt es so bislang nur in den Städten wie Lörrach oder Freiburg. Eine Kollegin ist aktuell dabei, zu schauen, wie so etwas aufgebaut werden kann und ob es finanzierbar ist. Das wäre eine Erleichterung.
Gibt es weitere digitale Schnittstellen in Ihrer Zusammenarbeit und braucht es diese um Sie zu entlasten?
Zur Dokumentation nutzen wir die Software Jobkraftwerk, hier haben die Klientinnen und Klienten theoretisch auch die Möglichkeit sich anmelden, um Zugriff auf ihre Daten zu haben. Mir ist da allerdings niemand bekannt, der das auch in der Praxis tatsächlich nutzt.
Darüber hinaus denke ich nicht, dass es das ist, was wir aktuell brauchen – das trägt nicht zur Entlastung bei. Was entlasten würde, wären zum Beispiel andere Regeldienste!
Sie haben gerade die Software Jobkraftwerk erwähnt. Wie nutzen Sie die Software?
In erster Linie ist sie ein Hilfsmittel zur Dokumentation und Erstellung von Integrationsplänen. Das ist wichtig, so können Informationen ausgetauscht werden und Kolleginnen und Kollegen können den aktuellen Beratungsstand nachvollziehen. Da weiß man, was der andere bereits getan hat.
Das Programm ist allerdings nicht immer zufriedenstellend. Manchmal werden mir Klienten oder Klientinnen inaktiv gestellt, selbst wenn ich sie neu anlege. Auch gab es am Anfang Probleme, die Daten aus einem vorherigen Programm sauber zu übertragen. Hier mussten wiederum auch Klientinnen und Klienten neu angelegt werden.
Zudem hat sich herausgestellt, dass die Firma nicht mehr den Support bietet, den sie anfangs in Aussicht gestellt hat, sodass es sehr lange dauert, bis etwas richtiggestellt wird.
Die Erstellung von Integrationsplänen ist auch etwas kompliziert. Von der Gestaltung und Bedienung wäre es einfacher und mit weniger Klicks wünschenswert.
Das Sozialministerium ist aktuell dabei, eine Softwarelösung zur Dokumentation zu erarbeiten. Das Ziel ist es, eine so gute Software anzubieten, dass alle Integrationsmanagenden möglichst diese künftig nutzen.
Es wäre sinnvoll, wenn alle Integrationsmanagerinnen und -manager dasselbe Programm haben. Und es sollte kompatibel mit anderen Programmen sein. Die Kolleginnen und Kollegen von der Migrationsberatung für Erwachsene haben zum Beispiel ein anderes Programm. Hier ist es wichtig, die Daten dann entsprechend übergeben zu können. Im Landkreis übergeben wir zwischen dem Caritas-Verband und dem Diakonischen Werk Klientinnen und Klienten, wenn sie an einen anderen Wohnort kommen und weiter betreut werden.
Abschließend noch die Frage, wo sehen Sie digitale Tools in Ihrer Arbeit als sinnvoll an und in welchen Bereichen ist der menschliche Kontakt unverzichtbar?
Beim Erstellen von Integrationsplänen ist eine Software sicherlich hilfreich zum Erfassen von Daten. Oder auch zur Generierung von Zahlen. Hier bedarf es allerdings auch einheitlichen Vorgaben. Zur Dokumentation von Gesprächen, zum Festhalten des aktuellen Status oder ob Ziele erreicht wurden – da macht es Sinn. Auch zum Dokumentieren ob jemand mitarbeitet. Und wie besprochen zur Vernetzung und Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen.
Beim Beziehungsaufbau brauche ich aber den menschlichen Kontakt. Ich sehe beispielsweise beim Arbeitskreis Integration, wie wichtig der persönliche Kontakt und die Vernetzung sind. Da gibt es vielschichtige Programme und Anlaufstellen, sodass man weiß, wen man fragen kann und wer einem behilflich sein kann. Das kann natürlich das Integrationsmanagement in der Form nicht abbilden, da sind wir zu weit weg, aber auch wir brauchen den menschlichen Kontakt, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.
Aus der Ukraine kommen Roma-Familien, die sehr skeptisch sind, auch gegenüber Autoritäten. Die Vorstellung, dass man da bereits nach dem ersten Gespräch einen Integrationsplan festlegen kann, ist realitätsfern. Erst wenn sie sehen, dass man sich für ihre Anliegen einsetzt, setzt ein Vertrauen ein und dafür ist der persönliche Kontakt unerlässlich.
Frau Scheller, herzlichen Dank für das Interview!
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