Praxis-Interview mit Ilona Kelemen: „Wir sind alle ein großes Team“
Seit nun eineinhalb Jahren ist Ilona Kelemen mit der Koordinierung des Integrationsmanagements im Landkreis Schwarzwald-Baar beauftragt. Ein Jahr zuvor ist sie in Vollzeit als Integrationsmanagerin im Landkreis eingestiegen, was sie aufgrund der koordinierenden Stelle auf 50% reduziert hat. Was sie nicht reduziert hat, sondern ganz im Gegenteil für den gesamten Landkreis ausgebaut hat, ist ihr großes Engagement für die Integrationsarbeit. Wie das konkret aussieht und welche Werte Ilona Kelemen bei ihrer Arbeit als koordinierende Stelle hochhält, berichtet sie im Gespräch.
Liebe Frau Kelemen, Sie haben bereits einen kleinen „Vorsprung“ gegenüber den koordinierenden Stellen vieler Landkreise, welche erst mit Beginn des Jahres in die Tätigkeit gestartet sind. Wie sahen Ihre Anfänge aus?
Zu Beginn war es eine Findungsphase. Dadurch, dass die Stelle neu war, brauchte es Zeit und Gespräche bis wir als Team, also die Sachgebietsleitung, die Integrationsbeauftragten des Kreises und ich, herausgefunden haben, wo meine Aufgaben liegen können, um die bisherige Integrationsarbeit im Kreis bestmöglich zu ergänzen. Die gute Zusammenarbeit hat mir zu Beginn geholfen und hilft mir bis heute. Monatlich haben wir einen Jour fixe um gemeinsam zu besprechen, was wir im Landkreis erreichen können. Am Anfang war es allerdings auch gar nicht so einfach, mit allen Akteuren der Integrationsarbeit ins Gespräch zu kommen. Einige waren skeptisch was die Stelle anging und fragten, sich was das jetzt soll: Ist das eine Kontrolle? Will uns jemand etwas vorschreiben? Deshalb habe ich angefangen zu erzählen, wozu es diese Stelle überhaupt gibt. Was ich allerdings auch immer dazu gesagt habe war, dass ich selbst erst herausfinden muss, wie ich die VwV umsetzen kann. Es ist immer wichtig, ehrlich zu kommunizieren. Heute habe ich die Aufgaben so ausgestaltet, wie ich es für richtig halte und das Feedback dazu ist gut.
Welchen Aufgaben gehen Sie denn nach?
Eine meiner Aufgaben ist die zentrale Steuerung des Integrationsmanagements im Kreis. Dazu gehörte zu Beginn des Jahres, alle Kontaktdaten der neuen Integrationsmanagerinnen und -manager (IntM) zu aktualisieren und nach datenschutzrechtlicher Absprache an alle IntM und Akteure der Integration im Kreis weiterzugeben. Es ist mir wichtig, alle IntM von Beginn an einzubinden. Darum habe ich bereits ein Kennenlerntreffen veranstaltet. Hier hat auch eine Übergabe stattgefunden. Denn einige Kommunen haben ab diesem Jahr ihr Integrationsmanagement selbst in die Hand genommen und IntM eingestellt. Somit wurden IntM des Kreises abgelöst und neue IntM konnten dort ansetzen, wo die bisherigen aufgehört haben. Was wir auch gleich für alle Neuen angeboten haben, war eine Schulung zur Kennzahlen-Erfassung. Das muss aus meiner Sicht direkt am Anfang geschehen um klar zu machen, welche Kennzahlen erfasst werden müssen und wie das gelingen kann.
Die Steuerung von Schulungen und Fortbildungen ist auch ein wichtiges Thema. Dazu ist uns der Austausch und die Bedarfsabfrage wichtig. Ich frage regelmäßig die Kommunen und IntM, was sie brauchen und richte danach meine Angebote aus. Denn das Angebot muss zur Nachfrage passen.
Bei Fortbildungsangeboten mache ich es so: Ich recherchiere und frage gezielt Institute wie die Kehler Akademie oder die Verwaltungsschule Baden-Württemberg zu Fortbildungsmöglichkeiten an. Wenn es mir sinnvoll erscheint, dass alle daran teilnehmen, dann hole ich die Fortbildung ins Haus. Wenn das nicht geht oder es nicht für alle notwendig ist, dann nehme ich daran teil und stelle die Materialien im Nachgang zur Verfügung. Relevantes Wissen soll alle IntM erreichen. Wir vom Landratsamt haben viele Möglichkeiten der internen Fortbildung, die anderen IntM nicht unbedingt. Es ist ganz wichtig für mich, keinen Unterschied zwischen den „eigenen“ IntM und denen der anderen Kommunen zu machen. Wir sind alle ein großes Team! Ich möchte alle wahrnehmen!
Kennen Sie alle Integrationsmanagerinnen und -manager im Landkreis?
Ja, wir kennen uns alle persönlich und ich lade auch bewusst immer alle zu unseren Veranstaltungen ein, die wir machen. Ich schreibe alle regelmäßig an und bin sehr froh, dass es sich so etabliert hat, dass sie sich auch an mich wenden und viele Vorschläge für Veranstaltungen liefern oder Fragen zu ihrer Arbeit stellen. Ich überlege dann, wer die Frage am besten beantworten kann und organisiere einen Kontakt oder antworte selbst. Ich lasse die Leute dann auch wirklich nicht lange warten und versuche noch am selben Tag eine Lösung zu finden. Spätestens am nächsten Tag kommt die Antwort oder zumindest eine Rückmeldung, dass ich dran bin. Die Kommunikation muss laufen.
Kommunikation ist ein gutes Stichwort. Inwiefern ist die Kommunikation über das Integrationsmanagement in der Kreisverwaltung Teil Ihrer Aufgaben?
Das ist eine wichtige Aufgabe für mich. Ich informiere die kommunalen Verwaltungsspitzen regelmäßig und verfasse von allen Veranstaltungen interne Berichte. Mit der Sachgebietsleitung bin ich in regem Austausch. Auch die Amtsleitung ist gut informiert und kommt oft zu unseren Veranstaltungen. Die Dezernatsleitung und der Landrat werden ebenfalls zu relevanten Themen informiert und haben auch schon unsere Veranstaltungen und Tagungen besucht. Das sehe ich als absolute Wertschätzung, wenn sie sich dafür die Zeit nehmen, uns zuhören und sich auch selbst ein Bild machen. Das ist gut, denn umso mehr sie über unsere Arbeit wissen, umso bessere Entscheidungen können sie für uns fällen. Bald werde ich auch im Verwaltungsausschuss über ein laufendes Projekt, das Med-Café, berichten. Da bin ich stolz, eingeladen worden zu sein und freue mich über die Beachtung.
Der Ursprung des Med-Cafés liegt in Ihrer Zusammenarbeit mit dem Jobcenter des Schwarzwald-Baar-Kreises. Das klingt nach einem guten Draht, den Sie zum Jobcenter haben. Welchen Tipp können Sie denn anderen IntM oder koordinierenden Stellen geben um eine solche Zusammenarbeit aufzubauen?
Positive Gedanken! Es ist erst einmal wichtig, offen aufeinander zuzugehen. Als ich angefangen habe hieß es: „Mit dem Jobcenter ist es schwierig“. Aber ich habe mir trotzdem Termine geben lassen. Mit meiner Erfahrung als IntM kannte ich natürlich die Schwierigkeiten, aber die dahinterliegenden Gründe nicht. Deshalb habe ich nachgefragt, aber nicht geurteilt. Es gilt erst einmal zuzuhören und versuchen zu verstehen.
Dann habe ich das Jobcenter zu uns IntM eingeladen und gebeten aufzuzeigen, wo die Probleme bei ihnen vor Ort liegen. Das war wichtig. Das hat uns geduldiger gemacht, verständnisvoller. Und das Jobcenter hat die Bereitschaft gezeigt, sich den Problemen anzunehmen. Nach unserem Treffen kam die Rückeinladung von Seiten des Jobcenters und als ich vor Ort war, wurde schnell klar, dass wir ein gemeinsames Projekt auf die Beine stellen können. Und das haben wir dann auch gewagt. Nämlich das Med-Café. Das Projekt hat zum Ziel, ausländische Ärztinnen und Ärzte im Bürgergeldbezug beim Anerkennungsverfahren, beim Sprachtraining und bei den Netzwerken zu unterstützen. Das Jobcenter ist für den Kontakt zu den ausländischen Ärztinnen und Ärzten zuständig. Ich als koordinierende Stelle habe die Aufgabe übernommen zu netzwerken und alle nötigen Akteure, wie das Gesundheitsamt oder das Klinikum, ins Boot zu holen. Auch Werbung habe ich gemacht. Das hat funktioniert. Der SWR hat sogar einen Kurzbericht darüber gesendet und wir sind für den Integrationspreis BW nominiert worden. Es half natürlich sehr, dass auch unser Landrat das Projekt persönlich unterstützt hat. Sechzig Ärztinnen, Ärzte und medizinisches Fachpersonal nehmen regelmäßig am Med-Café teil! Das freut uns sehr. Für die gute Zusammenarbeit mit allen Akteuren sind wir dankbar, denn unser Motto für dieses Projekt und für die zukünftigen Projekte ist: Gemeinsam sind wir stark!
Das klingt nach einem tollen Gemeinschaftsprojekt. Welche Ansätze verfolgen Sie denn um die Vernetzung und den Austausch auch mit anderen Akteuren zu fördern?
Zur aktiven Vernetzung der für die Ausübung des IntM relevanten Akteure haben wir die sogenannten „Gesprächsrunden IM“ ins Leben gerufen. Das sind kleine Runden, bei denen neben den IntM ein bis zwei weitere Akteure eingeladen sind und in den Austausch gehen. Das ist dann beispielsweise die Kombination aus IntM, Integrationsbeauftragten und dem Jugendmigrationsdienst oder, wie erst gestern, die Zusammensetzung IntM und die drei Ausländerbehörden des Landkreises. Gestern waren sowohl die Leitungen als auch ein paar Mitarbeitende dabei. Das war klasse, Ansprechpersonen mal anders kennenzulernen und viele Fragen persönlich klären zu können. Im Vorfeld habe ich Themenvorschläge gesammelt und an die Ausländerbehörden weitergeleitet, damit diese sich vorbereiten konnten. Letztendlich war es aber eine sehr lockere Runde ohne festgelegte Tagesordnung. Zwei Stunden lockerer Austausch, der wahnsinnig viel gebracht hat.
Anfang Mai steht die Gesprächsrunde mit dem Jobcenter an. Dieses Mal gehen wir zum Jobcenter ins Haus. Es geht darum, den Alltag im Jobcenter zu erleben und die Arbeit vor Ort kennenzulernen. Das ist das A und O für mich – ein Verständnis für die anderen zu entwickeln. Schauen wir mal, ob dort nur Kaffee getrunken oder womöglich doch etwas gearbeitet wird … (lacht).
Besonders wichtig ist auch unsere „Tagung Integration“, zu der dreimal im Jahr ca. sechzig Personen kommen. Neben IntM sowie Integrationsbeauftragten sind auch die Integrationsberatung, der Jugendmigrationsdienst, das Welcome Center, Refugio und Bildungszentren eingeladen. Die Veranstaltung beinhaltet eine gemeinsame Fortbildung und Gastvorträge zu aktuellen Themen wie der Bezahlkarte oder Themen der Schuldnerberatung. Alle an einem Tag gebündelt – das haben wir schon viermal organisiert und es kam immer sehr gut an.
Was die Vernetzung ebenfalls stärkt, ist, dass ich selbst an vielen Gesprächsrunden und Veranstaltungen teilnehme. Ich versuche immer allen Einladungen zu folgen und unser Interesse für eine Zusammenarbeit zu demonstrieren. Beispielsweise bei Veranstaltungen der Sprachkursträger im Landkreis. Das ist das Minimum was ich tun kann, wenn sie umgekehrt auch unsere Veranstaltungen besuchen.
Auch unser Ehrenamtsfest hat vernetzt. Das war als Dankeschön für die Engagierten aus dem Landkreis angelegt. Haupt- und Ehrenamt sowie Geflüchtete und viele weitere Akteure waren vor Ort und lernten sich und ihr Engagement kennen. So etwas bringt viel.
Was ist ihre Schlussfolgerung aus der Vernetzungsarbeit? Wie gelingt Vernetzung am besten?
Mein Motto ist: Nicht übereinander, sondern miteinander reden! Die Leute an einen Tisch bringen und persönlich sprechen, das ist wichtig. Mindestens ein paar Mal im Jahr muss der persönliche Austausch da sein, ob bei einer gemeinsamen Fortbildung oder beim Mittagessen. Das bringt die Leute zusammen. Je besser die Akteure sich kennenlernen, desto besser können sie miteinander umgehen und das erleichtert die Arbeit für alle. Das gilt auch, wenn ich merke, dass es Probleme gibt und die Zusammenarbeit hakt: Möglichst schnell alle an einen Tisch bringen und darüber sprechen! Denn konstruktive Kritik ist gut, übereinander lästern hat bei uns keinen Platz.
Die Regionalkonferenzen des Sozialministeriums für das kommunale Integrationsmanagements fördern ebenfalls die Vernetzung über Landkreisgrenzen hinweg. Vergangenen Herbst hat die Regionalkonferenz für den Regierungsbezirk Freiburg bei Ihnen in Villingen-Schwenningen stattgefunden. Wieso haben Sie sich dazu entschieden, die Regionalkonferenz bei sich stattfinden zu lassen und was war Ihre Rolle?
Ich habe selbst zuvor bei der Regionalkonferenz in Bruchsal teilgenommen und konnte viele Informationen mitnehmen und mich mit anderen vernetzen. Es war gut mitzubekommen, wie andere arbeiten und wo die Probleme aber auch Lösungen liegen können. Die Regionalkonferenz war daher eine gute Erfahrung für mich. Und als der Aufruf im Newsletter kam, dachte ich: Wieso nicht bei uns? Ich habe davon profitiert, warum sollen nicht auch andere davon profitieren? Außerdem dachte ich, kann die Veranstaltung auch die Vernetzung mit den angrenzenden Landkreisen fördern – und so war es dann auch!
Meine Rolle war, einen geeigneten Raum zu finden, Absprachen mit der Halle zu treffen und wenn man so möchte, alles etwas mitzudenken. Vor allem war es auch meine Rolle Leute aus unserem und den umliegenden Landkreisen einzuladen. Nichtsdestotrotz war alles nicht so viel Aufwand. Es ist nicht damit zu vergleichen, wenn ich selbst eine Tagung organisiere. Sie, die FaFo, haben da den Großteil übernommen und das Ganze gut koordiniert.
Inwiefern haben Sie von der Regionalkonferenz profitiert?
Zum einen habe ich viele neue Menschen kennenlernen dürfen. Manche koordinierenden Stellen und IntM kannte ich schon von den Sitzungen des strategischen Steuerungsgremiums zum Integrationsmanagement auf Landesebene, die vom Sozialministerium einberufen werden. Durch die Regionalkonferenz sind noch viele dazu gekommen!
Außerdem hatten mein Vorgesetzter und ich die Möglichkeit, als Gastgebende das Integrationsmanagement in unserem Landkreis vorzustellen. Das hat uns natürlich viel bedeutet und viel gebracht. Wir arbeiten hier im Landkreis gut miteinander, haben ein tolles Integrationsteam und berichten gerne darüber.
Über den Vortrag haben wir andere Landkreise auf uns aufmerksam gemacht und ihr Interesse an einer zukünftigen Zusammenarbeit geweckt. Ich nehme seitdem an regionalen Treffen koordinierender Stellen anderer Landreise teil und profitiere vom Austausch. Andere Landkreise melden sich bei mir und fragen nach, wie wir dies oder jenes machen. Da helfe ich gerne weiter, denn das Integrationsmanagement ist ein Projekt des ganzen Landes. Zum Glück bekommen wir noch Mittel dafür… Daher liegt es an uns, das zu nutzen und uns auch gegenseitig zu unterstützen – denn nur gemeinsam sind wir stark!
Liebe Frau Kelemen, herzlichen Dank für das Interview!
Das Interview fand am 29.04.2025 statt.